Ich gebs´ja zu, als Gewohnheits-Konservativer neige ich dazu, jede Äusserung von grünen Politikern im Vorfeld als abseitig oder zumindest jenseits aller realen Wichtigkeit abzutun. Die Macht der Gewohnheit halt. Bei Boris Palmer sehe ich das seit einer Weile differenzierter. Na klar, auch der Mann hat kein Problem mit schrankenloser Zuwanderung, weist aber immerhin auf die Probleme hin und kann sich gar Abschiebungen vorstellen. Auch in der Corona-Politik bietet er etwas, dass zwischen Hysterie auf der einen und Ignoranz auf der Seite liegt. Er ist so eine Art Sahra Wagenknecht der Grünen. Wie diese hat er auch keine alberne Angst vor „Applaus von der falschen Seite“, was ihm Hass von der eigenen Seite einbringt. Sein Verfehlen:

Er kritisiert die offenkundig irren Auswüchse der auf grünem Terrain geborenen Cancel-Culture, die inzwischen im Tagestakt Existenzen vernichtet, Meinung niederbrüllt und gesellschaftliche Gräben zieht, die das Gegenteil der so eifrig bekundeten Toleranz und des würdevollen Miteinanders ist. Palmer hat wie Wagenknecht erkannt, dass das Erzwingen scheinbarer „Rechte“ für Minderheiten, vorbei an jedem Gesetz, das Miteinander der Mehrheit unmöglich macht. Seine Meinung dazu ist simpel: Zuviel des Guten endet im Schlechten. Sollte jeder verstehen.

Nicht aber seine Partei. Die Fast-Kanzlerin Baerbock möchte Führungsstärke zeigen und trifft mit dem zu erwartenden Parteiausschluss eine Entscheidung, die den Höhenflug der Grünen zügig beenden wird. Palmer steht 1:1 für die Wähler, die man der SPD und der Union abgejagt hat. Noch mehr, Baerbock öffnet das Tor zur Spaltung der Partei, sie macht die radikalen Schreihälse und Deutschlandabschaffer stärker – die hat man bis dato im Zaum gehalten und sich bürgerlich gegeben. Das ist jetzt vorbei.

So kann man Boris Palmer für zwei Leistungen ehren: Für die Entzauberung linker Toleranzfantasien – und den öffentlichen Einblicke in eine Parteibasis, die nichts, aber auch gar nichts mit „Eingigkeit, Recht und Freiheit“ zu tun hat. Der Wunsch von 300(!) Partei-Irren, den Begriff „Deutschland“ aus dem Programm zu entfernen, ist dafür Beweis genug.