Kirchenaustritt 

Tiramo – Akademie & Consulting

Ein Freund von Facebook hat diesen Post veröffentlicht. 

Ich habe ihn gefragt, ob ich diesen Beitrag veröffentlichen kann, die Zusage habe ich erhalten.

Von: Christian Kott

Hier mal etwas Persönliches. Schon vorab bitte ich um Entschuldigung für die Länge des folgenden Texts. Ich hatte keine Zeit, einen kürzeren zu schreiben.
Die allgemeine Berichterstattung über den evangelischen #Kirchentag 2017 hat mich besorgt. Zunächst einmal: Es war es schon ein abenteuerlicher Vorgang, wenige Wochen vor dem Beginn des Bundestagswahlkampfs der Bundeskanzlerin (mit einem ehemaligen US-Präsidenten als Wahlhelfer), dem Spitzenkandidaten der SPD, der Bundesverteidigungsministerin, der Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft „Christen in der AfD“ sowie anderen Parteipolitikern eine Wahlkampfplattform zu bieten. Unabhängig davon, dass man über die Richtigkeit parteipolitischer Diskussionen auf einem Kirchentag unterschiedlicher Meinung sein kann, hätte es sich gehört, so kurz vor der #Bundestagswahl von den parteipolitischen Teilnehmern das Unterlassen einer plumpen Wahlkampfrede zu verlangen. 

An die seit vielen Jahren zunehmende Einmischung beider Kirchen in parteipolitische Fragen, die im Übrigen durchweg sehr einseitig erfolgt, konnte ich mich nie gewöhnen und halte sie auch für grundfalsch, denn eine Glaubensgemeinschaft spaltet die Gemeinde, wenn sie grundsätzlich ausschließlich einseitige politische Thesen als richtig unterstreicht. Als moderner Liberal-Konservativer und als Fan des Humanismus und der Aufklärung konnte ich mich in den vergangenen Jahrzehnten auch nicht mit einer einzigen der mit sehr erhobenem Zeigefinger vorgetragenen politischen Positionen der Kirchenführung identifizieren. Außerdem halte ich den Grundsatz der Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften, der in den letzten 20 Jahren eine erstaunliche Erosion erlebt hat für sehr wichtig und wünsche mir eine Rückbesinnung hierauf.

Aber das hat mich, der ich das Glück hatte, meine Taufe als Kind in einem Alter zu erleben, in dem ich mich daran bewusst erinnern kann, trotzdem nicht dazu gebracht, die evangelische #Kirche zu verlassen.
Nun kamen aber noch die offiziellen Statements der Funktionäre auf dem Kirchentag hinzu. Es kursierten verschiedene Zitate, die ich zunächst einmal verifiziert habe, weil allerhand rechte Propaganda diese teils aus dem Zusammenhang gerissen, teils auch modifiziert hatte. Danach ergibt sich ohne Anspruch auf Vollständigkeit folgendes Bild:
– Der Bischof von Berlin, Markus Dröge, spricht auf dem Kirchentag (kurz nachdem 28 koptische Christen in Ägypten massakriert wurden) ins Mikrofon: „Man darf Christenverfolgung auch nicht dramatisieren.“ Das Zitat ist bislang unbestritten, Dröge behauptet nur, es sei aus dem Zusammenhang gerissen. Er habe damit nur auf eine Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten hinweisen wollen. Dabei scheint er entweder nicht zu wissen oder auszublenden, dass das Europäische Parlament, das ja nun wirklich nicht im Verdacht steht, rechtspopulistisch zu sein, zuletzt erst im Februar 2016 in einer Resolution festgehalten hat, dass es sich bei der systematischen #Christenverfolgung durch den IS um #Völkermord handele. Ist das auch „dramatisiert“? Völlig egal, worauf Herr Dröge hinweisen wollte: Ein solches Statement ist inakzeptabel. Aus den Kreisen der kirchlichen Führung ist jeder Widerspruch unterblieben, Herr Dröge selbst hielt es bislang nicht für notwendig, sich von seiner Aussage zu distanzieren.
– Eine öffentliche Diskussion hat Margot Käßmann mit ihrer misslungenen Bibelarbeit auf dem Kirchentag ausgelöst. Ich unterstelle die umstrittenen Passagen als bekannt. Ich spreche nicht von dem Propaganda-Versuch rechter Netzwerke, Frau Käßmann absurderweise zu unterstellen, sie habe alle deutschen Familien als Nazis verunglimpft. Es ist auch einerlei, ob die Passage „Da weiß man, woher der braune Wind weht“ wirklich gesagt wurde oder nachträglich von ihr aus dem Text gestrichen wurde. Ich spreche von dem offiziellen, auf der Homepage der EKD veröffentlichten Text der Bibelarbeit. Obwohl mir bei meiner mit einem Mausklick recherchierbaren Vita nun wirklich nicht unterstellt werden kann, ein Freund der AfD zu sein, ist das, was Frau Käßmann da macht, so billige Propaganda, dass man sich unwillkürlich fragen muss, ob sie damit der AfD mehr hilft als ihr schadet. Sie zitiert aus dem Programm der AfD den Begriff „einheimische Bevölkerung“ und übersetzt es mit ihren eigenen Worten als „biodeutsch“, um dann zu behaupten, das sei „eine Definition gemäß dem so genannten kleinen Arierparagraphen der Nationalsozialisten“. Als wenn die einheimische Bevölkerung nicht auch aus den hier lebenden Ausländern bestehen würde! Egal, ob man Frau Käßmann´s recht deutlich vertretene parteipolitische Meinung teilt oder nicht: Die absichtliche und offensichtliche Missinterpretation ist nun wirklich unter jedem rhetorischen Mindestniveau. Aber so etwas kommt eben dabei heraus, wenn man versucht, eine Bibelarbeit für parteipolitische Einflussnahme zu missbrauchen. Allein dieser faux pas wird der AfD bei der bevorstehenden Bundestagswahl tausende zusätzlicher wütender Stimmen bescheren – und der evangelischen Kirche völlig zu Recht tausende Austrittserklärungen…
– Petra Bosse-Huber, Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchenrates, kam am 26.5. bei einer Diskussion über „selbstbestimmte Sexualität“ in Berlin zu folgender Aussage: „Es braucht noch viel theologische Arbeit, um die Bilder auszurotten, dass nach der Bibel Mann und Frau füreinander geschaffen wurden. Das ist weit entfernt vom exegetischen Befund im Alten und im Neuen Testament.“ Das Zitat ist bislang unbestritten. Ich verzichte darauf, es hinsichtlich Wortwahl und Aussage auseinanderzunehmen. Bei aller gebotenen und richtigen Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlicher Sexualität ist diese Aussage schlicht unvertretbar. Aus den Kreisen der kirchlichen Führung ist jeder Widerspruch unterblieben, Frau Bosse-Huber selbst hielt es bislang nicht für notwendig, sich von ihrer Aussage zu distanzieren.
Nach langem Zögern und in Abwägung der vielen wichtigen und positiven gesellschaftlichen Impulse, die die evangelische Kirche in ihrer Basis- und Gemeindearbeit unbestritten leistet und trotz meiner festen Verbundenheit zu christlichen Werten (die ich auch weiter habe und haben werde) kann ich es mit meinem Gewissen nicht länger vereinbaren, eine Glaubensgemeinschaft mit meiner Mitgliedschaft zu unterstützen, deren Führung vollkommen unwidersprochen solche undifferenzierten, absurden und auch geschmacklosen Positionen vertritt. Ich habe daher nach 40 Jahren Mitgliedschaft mit heutiger Wirkung meinen Austritt aus der evangelischen Kirche erklärt.